EPT auf Italienisch oder: Wie man mit 5-hoch nach dem Showdown gewinnt
Hallo alle zusammen,
die EPT San Remo war außerordentlich gut besucht (1.180 Spieler!), aber leider nicht besonders gut organisiert. Es gab für alle Turniere und Satellites riesige Warteschlangen, bei denen man teils mehrere Stunden warten musste und am Ende leider sogar einige Spieler ohne ein Ticket blieben. Die Turniere waren allesamt ausverkauft, teilweise gab es lange Wartelisten.
Schlimme Zeiten auch für die Raucher in italienischen Casinos. Überall (sogar im WC) waren solche Verbotsschilder ausgehängt:
Bußgeld für die Raucher: bis zu €275
Das Cashgame
Es standen hier sage und schreibe nur vier Tische zur Verfügung, an denen man Cashgame spielen konnte. Wer Cashgame spielen wollte, musste sich sofort nach der Casinoöffnung auf einer Warteliste einschreiben und dann immer noch rund vier bis fünf Stunden warten. Ich schaffte es nur einmal zum Cashgame zu kommen und bemerkte leider zu spät, dass die Dealer von den Pots oft recht viele Chips in die Casinokassa versenkten. Nach meiner Frage, wie hoch denn hier das Rake sei, antwortete einer von ihnen sehr stolz: „Hier ist das Rake, das vom Pot abgezogen wird, 5 % und bis zu €50!“ Ein Wahnsinn!!!
Im Vergleich dazu beträgt das Rake im Casino Bregenz maximal €15, das Casino Dortmund nimmt bis zu €30, aber hier in San Remo gibt es mörderische €50 Rake. Das ist einfach der Hammer. Bald verschwand mein Wunsch, Cashgame zu spielen, gänzlich und nach einer kurzen negativen Session habe ich es beendet.
Das EPT-Turnier
Das Gute an meinem Tisch war, dass ich auf Platz zwei saß, an dem ich meine Karten früh bekam und einen guten Blick auf meine Gegner hatte. Das weniger Gute: Es gab an meinem Tisch einige bekannte gute Spieler wie John Tabatabai ( http://en.wikipedia.org/wiki/John_Tabatabai) – Exschachspieler (Platz 9) und Ilari Sahamies (online bekannt als Ziigmund, mit mir zu sehen auf dem Foto unten), der auf Platz 3 saß. Auf diese Weise hatte er Position auf mich, was bedeutete, dass er BB war, wenn ich SB war. Also musste ich dringend einen Plan aushecken, wie ich gegen einen Highstakes-Profi out-of-position profitabel spielen konnte. Ich dachte mir, wenn ich gegen Ziigmund Small-Ball-Poker spiele, werde ich im Nachteil sein wegen zwei Faktoren: Er ist ein sehr guter NL-Hold’em-Spieler und er hat Position auf mich. Darum habe ich mir zum Ziel gesetzt, Big-Ball-Poker gegen ihn zu spielen und meistens die Hauptentscheidungen am Flop gegen ihn zu treffen.
In Level vier (100/200) ist mir dann endlich folgendes Kunststück gelungen: Ich war in später Position mit und alle foldeten zu mir. Ich machte ein Standardraise um drei Big Blinds. Nur Ziigmund und der Big Blind callten.
Der Flop war mir sehr sympathisch: – wow! Toppaar (allerdings mit schwachem Kicker), Flushdraw und drei Karten zur Straße. Jetzt hatte ich 1.900 im Pot, mein Stack stand bei 9.000, Ziigmund und der Big Blind hatten auch etwa meine Stackgröße. Wenn ich jetzt um die Potgröße spielte (ca. 1.900) und einer der beiden mich raiste, musste ich bezahlen, weil
a) der Raiser in solch einem Fall eine Q mit besserem Kicker oder
b) einen Flushdraw hatte.
Es gab selbstverständlich auch viele andere mögliche Hände (wie Set oder Straightdraw), aber ich ermittle und analysiere in solchen Situationen die Erfolgsquote meiner Hand gegen die am meisten wahrscheinlichen gegnerischen Hände!
Gegen AQ, eine mögliche gegnerische Hand, hatte ich bspw. 12 Outs und ca. 48 % Gewinnchancen.
Gegen einen gegnerischen Flushdraw (z. B. ) hatte ich um die 60 % Gewinnchancen.
Also würde ich in beiden Fällen bis zum River gehen. Dorthin gab es zwei Wege:
a) Ich wettete 1.900, mein Gegner raiste mich auf 9.000 und ich callte.
b) Ich checkte, mein Gegner wettete 1.900 und callte eventuell, nachdem ich mit 9.000 all-in gegangen wäre.
Es ist klar, dass Variante b) in dieser Situation viel besser für mich passte. Auf diese Weise konnte ich eventuell den Pot (1.900 + 1.900) ohne Showdown gewinnen, weil mein Gegner eventuell auf mein Raise hin foldete!
Natürlich war es auch möglich, dass mein Gegner beim Pot von 1.900 mit 9.000 all-in spielen würde, aber ein solch großer Overbet ist mathematisch gesehen meistens nicht besonders günstig und weniger wahrscheinlich.
Also: gesagt, getan! Ich checkte und stand da wie ein Jäger, der im Wald versteckt auf das Wild wartet. Ziigmund machte ohne zu zögern eine Wette in Potgröße, er wettete um die 1.900, der Big Blind machte sich, von dieser Wette erschrocken, aus dem Staub. Jetzt packte ich wie geplant die schwere Artillerie aus, ging nämlich mit 9.000 all-in. Ziigmund, offensichtlich unglücklich über meine Entscheidung, sprang von seinem Stuhl hoch und sagte: „I have to call.“ Und drehte um für einen Nutflushdraw und eine Overcard. Ich war zufrieden mit meiner Situation, ich hatte die bessere Hand (klein, aber trotzdem Favorit mit 60 % zu 40 %) und ich hatte das letzte Wort. Ich war wortwörtlich der Hammer.
Der Dealer brachte eine harmlose Acht und eine Drei und so konnte ich den Pokergiganten Ziigmund eliminieren.
Später musste ich meinen Tisch wechseln, am neuen Tisch erlebte ich dann eine unglaubliche Situation.
Ich saß auf Platz acht, auf Platz neun war ein extrem looser Italiener, der 50 % seiner Hände spielte, und auf Platz zehn war ein sehr tighter junger Spieler aus Kanada. Es war Level fünf (150/300). Ich war am Button mit , alle foldeten bis zum Cut-off (ein solider Italiener), der nur 300 callte. Ich fand meine Hand o.k., war aber im Zwiespalt zwischen Raise (um den Limper zu isolieren) oder Call (um die Connectors mit Position nach dem Flop zu spielen). Aus Sicherheitsgründen callte ich nur. So machte es auch der Small Blind. Erwartungsgemäß checkte der solide kanadische Spieler und wir sahen zu viert folgenden Flop: . Alle drei checkten zu mir und ich fand keinen Grund, die Solidarität der anderen Spieler abzulehnen. Der Turn brachte die , na, endlich ein Treffer. Leider wurden meine Hoffnungen bald zunichte gemacht. Der loose Italiener im Small Blind wettete 2.200 (ein kleiner Overbet!), der solider Kanadier raiste auf 6.300, der Cut-off und ich sahen keinen Grund mehr, uns in diese Schlacht einzumischen und foldeten. Nach kurzer Überlegung zahlte der Small Blind 4.100 nach. Der River brachte eine . Jetzt checkte logischerweise der Italiener, weil er von dem soliden Spieler am Turn geraist wurde. Überraschenderweise checkte auch der Kanadier. Und jetzt kam der Hammer. Der Italiener sagte: „I have no pair, so you will probably win.“ Der Dealer forderte, dass der erste Spieler nach dem Button seine Karten aufdeckte, aber der Italiener tat dies nicht, wollte aber seinerseits sehen, womit der Kanadier am Turn geraist hatte. Weil der Kanadier seine Karten aber nicht zuerst zeigen wollte, warteten alle Spieler am Tisch gespannt ab und plötzlich sagte der Italiener: „Okay, I missed my draw“ und foldete. In der Regel muss in Turnieren beim Showdown der Gewinner des Pots seine Karten aufdecken, unabhängig davon, ob sein Gegner den Pot aufgegeben und seine Karten im Voraus gefoldet hat. Und jetzt platzte die Bombe: Wie Napoleon nach einer schwer gewonnenen Schlacht sagte er stolz „5 high“ und zeigte (bei einem Board mit die absolut schwächstmögliche Hand!), also einen verpassten Flushdraw.
In diesem Moment begann der Italiener an seinen Haaren zu reißen und schrie eine lange italienische Tirade. Ich verstand am Ende etwas wie: „Ich schwöre, ab jetzt werde ich meine Karten immer als Erster beim Showdown umdrehen!!!“
So hat der Kanadier einen Pot von 13.900 (bei Blinds von 150/300!) mit 5-hoch nach dem Showdown am River gewonnen!!!
Der Italiener (Small Blind) Der Kanadier (Big Blind)
Solche Blackouts passieren immer wieder beim Poker (sogar mir ist schon so etwas passiert!), weil die meisten Spieler (aus psychologischen Aspekten) vermeiden möchten, Infos über die eigenen Karten an den Gegner zu geben, wenn sie verlieren.
Hier ein Leckerbissen, wenn man am River seine Karten beim Showdown nicht zeigen will:
http://www.youtube.com/watch?v=U4du3EAZoT4
Der berühmte Schauspieler James Woods foldet beim Showdown am River, er will seine Gewinnhand ( für ein Paar Vieren) nicht zeigen (oder vergisst dies) und so gewinnt Steve Zolotov die Hand mit einem Paar Dreien!
Fazit: Mann muss beim Showdown unbedingt seine Karten noch einmal ansehen, bevor man sich entscheidet, die Karten umzudrehen oder wegzuwerfen – also nur folden, wenn man 100%ig sicher ist, dass man die Hand verliert!
Das krasse Gegenteil kann der Fall sein, wenn man die eigenen Karten und das Board nicht gut genug anschaut und nicht ausreichend überlegt und mit den absoluten Nuts am River in letzter Position checkt. Hier ein Beispiel vom Heads-up-Match Kristi Gasez gegen Chat Brown:
http://www.youtube.com/watch?v=Zwyv2yOZQbY&feature=related
Und hier ein Foto von San Remo:
Euer Ivo Donev – The Chess Master
Am Ende die Antwort zur Rätselfrage meines letzten Blogeintrags: Welche drei Top-10-Spieler der Austrian All Time Money List (http://pokerdb.thehendonmob.com/ranking/190) sind Profischachspieler gewesen und was für Titel (beim Schach) haben sie?
Großmeister – Josef Klinger – Nr. 9; Internationaler Meister – Ivo Donev – Nr. 1; Internationaler Meister – Harry Casagrande – Nr. 5
Wir alle drei haben in den Jahren 1996 bis 1997 in der Österreichischen Nationalschachliga A für verschiedene Mannschaften gespielt. Seit mehreren Jahren spielen die oben genannten Schachspieler überwiegend Pokerturniere und nur noch selten Schachturniere.
Fortsetzung folgt