Anatomie eines Fehlers in der Bubble-Phase

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Anatomie eines Fehlers in der Bubble-Phase

Es gibt im Poker nichts Besseres als ein Deepstack-Hold’em-Turnier. Hauptsächlich wegen dieses großen Turniers bin ich nach Wien ins CCC gereist. Die Struktur – musterhaft wie bei der EPT Monte Carlo – nur mit einem großen Unterschied: Das Buy-in in Wien betrug €3.000 anstelle der €10.000 bei der EPT. Die anderen Hold’em-Turniere, die das CCC während des Spring Poker Festivals anbot, waren für mich uninteressant, denn die Strukturen der anderen Turniere waren ziemlich weit vom Deepstack-Format entfernt.

Mit 20.000 Startchips und 90-Minuten-Levels (beim ersten Level 25/50) hat man enorm viel Spielraum und viele Möglichkeiten, die schwächeren Gegner zu überspielen.

In den ersten zwei Tagen konnte ich mit wenig Risiko meinen Stack konstant aufbauen. Interessant zu erwähnen ist, dass ich mit der Deepstack-Strategie sogar in Level drei mit gegen Florian Langmanns bei einem Flop von nur 20 % meines Stacks verloren habe! So konnte ich Tag zwei mit 102.700 Chips beenden, was dem Average-Stack entsprach. Die Blinds lagen zu diesem Zeitpunkt bei 500/1.000, die Ante bei 100.

Unvorstellbar, Tag drei des Turniers begann, es waren nur 27 von 140 Spielern geblieben und der Average-Stack war um die 100 Big Blinds! Niemand war unter Zeitdruck, sogar die Shortstacks hatten um die 30 Big Blinds. Der pure Wahnsinn und ein Beweis dafür, wie fantastisch diese Struktur ist! Wenn man im Vergleich dazu andere Turniere betrachtet, beginnt bei den letzten zwei bis drei Tischen vor dem Geld fast immer eine echte Gamblerei, weil der Average-Stack nur um die fünf bis zehn Big Blinds hat. Deshalb gibt es nur All-ins oder Folds vor dem Flop. Aber bei diesem Turnier in Wien war niemand unter Zeitdruck!

An Tag drei gab es eine neue Tischauslosung.

An meinem Tisch saß der Chipleader, Antonio Karman aus Ungarn, der ziemlich wild und loose spielte und somit schwer zu lesen war. Das Gute war aber, er saß auf Platz neun und ich auf Platz zwei, somit hatte ich Position auf Antonio.

Nach mehr als zweieinhalb Stunden bekam ich endlich in Level zwölf (Blinds: 800/1.600) eine vernünftige Hand, ein Paar Vieren am Button. Alle foldeten zu Antonio, der wie eine defekte Schallplatte immer wieder „Raise“ wiederholte. Mein Plan war es, gegen Antonio ganz vorsichtig zu spielen und die Pots klein in Position zu halten, also einen guten Flop zu erwischen und dann zu versuchen zu verdoppeln.

Die kleinen Paare waren einfach zu spielen: Ich wollte billig den Flop sehen und, falls ich die Vier erwischen würde, groß im Vorteil sein. Auch die kleinen Paare haben große Implied Odds. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich rund 180.000 Chips, Antonio fast das Doppelte, nämlich um die 360.000. Für mich war es fast unmöglich zu erkennen, ob er jetzt in späterer Position auf Blindstealing aus war oder wirklich eine starke Hand hatte. Sein Raise war ein Standard-Raise von 4.500, darum callte ich nur.

Den Flop fand ich unglaublich schön: eine Vier (das war die erste offene Karte), dann . Volltreffer! Ich hatte sehr lang geduldig darauf gewartet, eine solche Gelegenheit zu bekommen. Antonio brachte sofort einen Bet von 8.000. Na ja, ich hatte keinen Grund, ihm seine Wünsche zu verderben und war absolut einverstanden mit dieser Wette. Falls ich jetzt raiste, würde ich alle seine Hände (er hatte eine breite Palette von Raise-Händen) übertreffen, außer er hatte ein in der Hand. Noch dazu befand ich mich in Position und er konnte meinen Call als Schwäche betrachten. Darum rechnete ich damit, dass er dann auch am Turn wahrscheinlich wetten würde. Ein solches Wettmuster ist typisch für einen loosen Spieler, der viele Chips hat.

Der Turn brachte einen König. Wie erwartet betrieb Antonio seine Bet-Kanonade fort, also flogen weitere 11.000 in die Mitte des Tisches. Jetzt stand ich vor einem Dilemma:

a) nur zu callen und ihn laufen zu lassen mit der Hoffnung, dass er auch am River eine vernünftige Wette brachte, die ich dann sowieso zumindest callen wollte. Auf diese Weise würde ich vermeiden pleitezugehen und ihn dazu verleiten weiterzubluffen (falls er nichts getroffen hatte)! So konnte ich fast sicher im Preisgeld landen, da wir nur noch vier Plätze vor dem letzten Preis entfernt waren und mehrere Spieler viel kleinere Stacks als ich hatten.

b) zu raisen und zu versuchen, jetzt mehr Geld in den Pot zu bekommen. Da er zum zweiten Mal out-of-position wettete, stiegen die Chancen, dass er ein As mit irgendeinem Kicker hatte. In diesem Fall wäre ich Favorit gegen A-Q, A-J, A-T, A-9, A-8, A-7, A-6, A-5, A-3, A-2 und ein Big Underdog nur gegen A-K , A-4 und K-K gewesen.
Das Positive an dieser Spielweise war, dass ich gute Chancen hatte mit über 360.000 Chipleader zu werden, falls ich verdoppelte, dass ich damit gute Aussichten hatte, den Finaltisch zu erreichen.
Das Negative an dieser Spielweise war, dass ich ein paar Plätze vor dem Geld ausscheiden konnte, Antonio aber nicht, weil er doppelt so viele Chips wie ich hatte!

In diesem so wichtigen Moment war ich irgendwie ungeduldig und geleitet von meiner Intuition raiste ich kräftig, und zwar auf 33.000. Mein Gegner, offensichtlich beglückt von dieser Melodie, war nicht ganz einverstanden und brachte einen Stapel Chips in die Mitte, und zwar 90.000. Jetzt war ich nicht mehr zu bremsen, ich fühlte mich wie ein Vogel, der eine lange Zeit in einem Käfig eingesperrt war und jetzt seine Gelegenheit bekam, frei zu fliegen. Sekundenschnell (Fehler!) sagte ich „All-in“ und er, zufrieden grinsend, sagte kurz und bündig: „O.k.“

Erst jetzt, nach seinem schnellen „O.k.“, hatte ich verstanden, dass ich in eine Falle getappt war. Er drehte seine um und mein eines Out kam am River nicht.

Hier bei Poker Today kann man diese Situation live beobachten:

http://pokertoday.intellipoker.de/index.php/2009/03/27/spring-poker-festival-im-ccc-mainevent-tag-3/

Jetzt, im Nachhinein und wenn ich nachdenke, bin ich mir ziemlich sicher, dass jeder durchschnittliche Spieler in meiner Situation seinen gesamten Stack verloren hätte, aber ein Topspieler hätte sich mit wenig Schaden retten können! Leider habe ich in dieser entscheidenden Hand zu wenig überlegt und nicht mein bestes Poker gespielt.

Kennt ihr das Gefühl, nach drei Tagen Spiel kurz vor dem Preisgeld mit einem Full House gegen ein höheres Full House auszuscheiden? Für mich war es grausam. Aber so ist nun mal Poker. Sofort nach meinem Ausscheiden habe mein Hotelzimmer freigemacht (die Nacht hatte ich sogar im Voraus bezahlt) und bin nach Hause gefahren. Am nächsten Tag (Freitag) war ich dann wieder im Finaltisch beim Bregenzer Turnier, wo mein Paar Damen von 6-7 offsuited geknackt wurden. Trotzdem hat es für den sechsten Platz gereicht:

http://www.pokeraction.info/home/news/poker-news/article/der-sieger-beim-wochenturnier-im-casino-bregenz-heisst-martin-fischer.html

Das Gute an der ganzen Geschichte ist, dass ich von jedem Turnier etwas Neues lerne, das mir Freude und Optimismus für die kommenden Turniere gibt!

Mein Turnierplan in der nächsten Zeit sieht so aus: CAPT, außerdem die EPT – San Remo und Monte Carlo.

Besonders freue ich mich über die geplante BALKAN POKERNEWS CHALLENGE vom 11. bis 17. Mai 2009, die wie im letzten Jahr im Grand Hotel International am Goldstrand (am Schwarzen Meer nähe Varna) in einem Deepstack-Struktur-Format (das Main Event) durchgeführt wird und mit einem garantierten Preisspool von €100.000 lockt.

Hier der Turnierplan:

http://internationalpokerfest.com/en/news_details.php?id=27

Hier noch ein paar Fotos – als Vorgeschmack auf den Goldstrand:

Die Antworten auf mein Rätsel „Wer ist das?“:

Die wolligen Haare gehören Christophe Groß (Crazy Sheep) und der Mann mit der braunen Lederjacke ist Benjamin Kang. Die meisten Leser haben dies erraten.

Am Ende noch eine Frage: Welche drei der Top-10-Spieler der Austrian All Time Money List (http://pokerdb.thehendonmob.com/ranking/190) sind Profischachspieler gewesen und was für Titel (beim Schach) haben sie?

Euer Ivo – The Chess Master

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